Wohin mit der Freude? Eine Bestandsaufnahme

Es gibt Situationen, in denen man jemanden zum Reden braucht. Eine beste Freundin vielleicht, einen Bruder oder einen Partner. Zum Beispiel, wenn die Welt in Schieflage geraten ist, wenn Dinge nicht rund laufen, wenn Menschen sich benehmen wie Idioten. Ganz besonders aber braucht man auch Menschen, die sich mit dir freuen. Weil etwas Unglaubliches passiert oder weil du etwas verdammt noch mal richtig gut hinbekommen hast. Und wenn dann niemand da ist, schreibst du halt. So ein Tag ist heute.

Es ist Dienstag und damit immer noch Anfang der Woche. Es ist eine verrückte Woche – in etwa so verrückt wie die vergangene Woche. Es passieren Dinge im Stundentakt. Gute Dinge: Erfolge. Feedback, Anfragen, Lob, Dankbarkeit und Wertschätzung. Aber niemand fragt mich, wie mein Tag war.

Wie war dein Tag, Anna?

Dabei wäre das so schön, wenn mich jemand fragen würde. Dann würde es nur so aus mir heraussprudeln. Denn es überfällt mich, überfährt mich, haut mich um – so gut ist es. Ich habe das Gefühl, dass sich alle Arbeit und jede Mühe, all der Frust und die Kämpfe endlich auszahlen.

Ich habe gelächelt, die ganze Zeit. Habe immer nur erzählt, ja, es geht voran. Ich habe so getan, als sei ich sicher mit all dem, was ich tue. Und heimlich dachte ich darüber nach, mir eine Anstellung zu suchen in irgendeiner Agentur, als Backup.

Jetzt gerade aber funktioniert alles, jedenfalls beruflich. Ich kann frei aufspielen, agiere so, wie ich es für richtig halte. Keine Projekte mehr, die ich nicht machen möchte, keine Kunden, die nicht zu mir passen. Es läuft einfach. Es ist fantastisch – und ich bin allein, denn es ist mein freier Abend. Und seien wir mal ehrlich: Junior hätte nicht mit Leitungswasser mit mir auf meinen Erfolg angestoßen.

Diesen Erfolg versteht niemand

Ich glaube, dass gerade niemand nachvollziehen kann, welch großer Triumph das für mich ist. Viele wissen nicht einmal, was ich eigentlich tue. Meine Mutter hat bis heute meine neue Website nicht angesehen. Die mit den tollen Bildern und dem neuen Logo und den neuen Angeboten. Ich frage nicht mehr nach.

Auch meine Freude können sie nicht verstehen. Weil keiner dabei war, wenn ich nachts Projekte fertig bearbeitet habe. Oder zwischen Wäschebergen und Staubsaugen mit Kunden telefonierte. Wenn ich auf dem Weg in die Kita E-Mails mit Feedback und Dokumentationen verschickte. Und manchmal trotz der vielen Arbeit am Ende des Monats nicht genug Geld auf dem Konto war.

Wie ich mich immer wieder aufrappeln musste, um nicht aufzugeben. Oder wie ich weinte, weil eine Kundin die große Rechnung nicht zahlte – hat sie bis heute nicht. Wertschätzung? Keine Spur. Es war heftig und echt kein Spaziergang.

Jetzt löst sich alles. Und keiner sieht es.

Es ist doch verrückt, dass ich, die ich niemanden brauche, mich jetzt doch danach sehne. Weil sich meine Freude potenzieren würde, davon geh ich zumindest aus. Es wäre alles noch mal besser, wenn jemand ehrlich Interesse an all diesem Erfolg hätte.

Weil ich jetzt in diesem Moment die Anerkennung so gerne hätte, aber nicht bekomme. Verrückt. Gerade wenn man doch dachte, man sei über diese niederen Bestätigungs-Gelüste hinweg. Heute wäre mir nach Feiern zumute. Und nach jemandem, der mit mir weint, weil grad so viel Anspannung von mir abfällt. Aber darüber schreiben ist auch okay.

Warum das Leben als Alleinerziehende schwer ist? Es ist nicht das wenige Geld. Auch nicht die Anstrengung, mental load und die große Verantwortung. Es ist das Alleinsein. In manchen Momenten schlimmer als in anderen. So wie heute.

Deine, heute angestrengte
Anna

Bild: Public Domain. TheVirtualDenise, Pixabay

4 Antworten auf „Wohin mit der Freude? Eine Bestandsaufnahme“

  1. Liebe Anna
    danke fürs Mitnehmen in Deine Welt! Wie schön, dass Du ernten darfst! Du hast es verdient. Sowas von!

    Ja, Familie ist Familie. Ich habe jede Menge davon und keiner liest mein Blog. Auch nur die wenigsten Freunde. Sie sind nicht meine Zielgruppe.
    Auch wenn ich lesen würde, was sie schreiben, einfach weil sie meine Freunde, Geschwister und Schwager sind. Aber das sind meine Werte, nicht ihre.
    Keiner kann meine Erfolge nachvollziehen, auch mein Mann und die Kinder nicht. Sie sehen aber, dass ich mich freue. Auch wenn sie es nicht verstehen, freuen sie sich ein wenig mit. Deswegen schätze ich mich glücklich.
    Herzliche Grüße uns noch viel mehr Wertschätzung wünsche ich Dir!
    Inge

    1. Danke dir, liebe Inge. Ja, manchmal ist es einfacher, hier zu schreiben, als drüben auf dem Hauptblog 😉

      Ich versteh schon den Ansatz und ich verfahre ja auch nach dem Prinzip „keine Erwartungen, keine Enttäuschungen“. Das doofe ist nur, dass ich es nicht kapiere. Klar muss keiner meinen Blog lesen – aber einmal auf die Seite schauen? Na ja.

      Und dieses Mitfreuen, das fehlt mir einfach. Meine Leute nehmen das zur Kenntnis. Und sie merken vielleicht, dass ich mehr erzähle als sonst. Aber es teilt keiner meine Freude.

      Egal. Ich hab jetzt ein Selbstcoaching gemacht und schraube einfach ein bisschen an mir selbst – das geht immer 😉

      Herzliche Grüße und danke für deine Worte
      Anna

  2. Liebe Anna,
    Dein Text berührt mich sehr. Wegen Deiner Offenheit und weil ich mich gut einfühlen kann. Nicht weil es mir auch fehlt. Das Gegenteil ist der Fall. Und manchmal frage ich mich, wie ich das aushalten würde, wenn ich es nicht hätte. Mir ist sehr bewusst, dass ich da großes Glück habe. Ein Mann an meiner Seite, der das alles mit macht, sich ehrlich für mein Tun interessiert, Freude und Tränen mit mir teilt. Dafür bin ich sehr dankbar.
    Und deshalb liebe Anna, bin ich an einem Satz von Dir hängen geblieben:
    „Jetzt löst sich alles.“
    Das ist der Anfang. Der Beginn von Veränderung. Loslassen verändert Deine innere Haltung und strahlt nach Außen. Dann öffnen sich Türen.
    Ich habe es selbst schon so oft erfahren und vor wenigen Tagen schrieb mir eine ehemalige Kundin, dass mit dem Loslassen ganz positive Dinge in ihr Leben gekommen sind und, dass alle Wege richtig gewesen sind. Sie hat IHN (nach langem Alleinsein) endlich gefunden.

    Herzliche Grüße
    Sandra

    1. Hallo liebe Sandra,

      danke für deine Worte! Es ist gar nicht so sehr der Mann, der mir fehlt – ich suche nicht. Aber die Strukturen sind eben doch so, dass es auffällt. Und in solchen „Extremsituationen“ fällt es ganz besonders auf. Da ist halt keiner. Klar, ich habe meine Freunde und Freundinnen, die so halbwegs auf Stand sind. Aber das ist nicht das gleiche. Es ist eine verkorkste Situation, denn ich brauche ja niemanden. Und trotzdem ist es manchmal doof. Einerseits funktioniert das System, andererseits gibt es immer mal Situationen, in denen Ideen und Wünsche aufploppen, mit denen man dann umgehen muss. Darüber schreibe ich dann 😉

      Herzliche Grüße
      Anna

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