Schön sein als Mutter: Zwischen MILF und Wahnsinn

Wie würdest du deinen Körper beschreiben? Stark, schön, großartig? Oder eher hässlich, abstoßend, nicht schön? Ich habe heute den Film „Embrace – Du bist schön“ gesehen. Es ist so eine Art Dokumentation, in der die australische Fotografin Taryn Brumfitt um die Welt reist, um herauszufinden, warum so viele Frauen ihren eigenen Körper nicht mögen, ja sogar als abstoßend empfinden.

Das musst du dir mal vorstellen: Da antworten Frauen auf die Frage, wie sie ihren Körper beschreiben würden, mit dem Wort „disgusting“, also widerlich. Und ich muss schlucken, weil ich diese Vorstellung so absurd finde. Und so traurig. Schön sein als Mutter, als Frau – ja, aber bitte abseits der Klischees.

Frauen und ihre Körper – ein endloses Thema. Und für viele Frauen offenbar eins, das sehr viel Raum in ihrem Leben einnimmt. Ich hatte den Drang, darüber zu schreiben. Nicht so sehr über Schönheitsideale, sondern über das Unterthema „Schönheit nach Schwangerschaft“. Schön sein als Mutter – was bedeutet das eigentlich?

Denn auch das ist Thema im Film: Dass Frauen, deren Körper sich durch Schwangerschaften verändert haben, sich „wiederherstellen“ sollen. Sie sollen möglichst direkt nach der Geburt wieder aussehen wie vor der Schwangerschaft. Damit sie dann das Label „MILF“ (Mom I´d like to fuck) tragen können. Und selbst ich kenne Frauen, die das für erstrebenswert halten. Eine „fickbare Mutter“ sein – Mutter und Hure in einem. Na bestens.

Schönheit in der Achterbahn: Veränderungen und Stolz

Ich mag meinen Körper. Ich halte mich für eine attraktive Frau – trotz Schwangerschaft (sic!). Allein der Gedanke, dass einen das Mutter-Dasein in den Augen vieler Menschen unattraktiv macht, ist absurd. Aber so denken leider viele Menschen, egal welches Geschlecht sie haben. Dabei können wir in jeder Phase der Schwangerschaft schön sein als Mutter.

Mein Körper hat Erstaunliches geleistet. Er hat mich durch eine unfassbar stressige und anstrengende Zeit gebracht und gleichzeitig noch ein wundervolles, neues Wesen erschaffen. Und ja, er hat sich verändert:

Meine Hüften werden nie wieder so schmal, wie sie mal waren, meine Brüste nie wieder so fest. In meiner Schwangerschaft habe ich überall zugenommen, vom Gesicht bis zu den Füßen. Ich sah lange aus, als hätte ich einfach nur gut gegessen. Der Bauch war klein und das Gewicht verteilte sich über den ganzen Körper. Ich war fit und beweglich, war die „unschwangerste“ Schwangere, die ich kenne. Bis zum 6. Monat noch fragten mich Menschen aus meinem Bekanntenkreis oder auf der Arbeit, ob ich den Winterspeck nicht mal wieder abtrainieren wollte.

Ich habe Dehnungsstreifen an meinen Oberschenkeln und Brüsten – am Bauch nicht, denn der war gar nicht groß. Meine schönen Brüste, die mal ein volles C waren, sind es jetzt nicht mehr. Aber soll ich jetzt weinen? Ich bin froh, dass sie wieder eine normale Größe angenommen haben. Denn ganz ehrlich: Was viele Filme als witzige Episode erzählen, ist in Wahrheit gar nicht so dolle.

Schwangerschaft wie im Film

Da wirst du schwanger und der Mann freut sich und prahlt damit, wie schön und prall deine Brüste sind. Dass sie schmerzen und extrem empfindlich sind, interessiert dabei keine Sau. Hauptsache groß und prall. Dann, nach der Geburt, wachsen sie auf einmal von einem netten D auf E an und du weißt nicht mehr, wohin damit (dies ist auch die Phase, in der die Haut so richtig schön einreißt, weil sie dieses krasse und schnelle Wachstum nicht mitmachen kann).

Und wenn du dann abgestillt hast, dann sind Brüste eben oft nicht mehr so voll und straff, denn sie haben eine Achterbahnfahrt mitgemacht und viele Monate lang ein Baby ernährt! Aber was sagt der Mann: „Das kann man doch operieren!“ Ja, schon klar. Routine.

Man(n) stelle sich vor…

Liebe Männer! Stellt euch doch mal vor… ihr seid schwanger. Und in der Anfangszeit gehts euch total gut, ihr seid stolz und voller Vorfreude und dann wächst euer bestes Stück auch noch. Wow, ihr würdet am liebsten nur noch eng anliegende Hosen tragen, damit jeder sieht, was ihr nun zu bieten habt. Eure Frau bewundert das natürlich auch. Sie findet das unglaublich sexy und würde gern ständig mit euch ins Bett. Aber das ist nicht nur schön, denn er ist sehr empfindlich und manchmal wollt ihr gar nicht so gern angefasst werden. Naja, Hauptsache groß.

Er wächst und wächst und wächst. Wird länger und dicker. Macht Spaß, oder? Unglaublich, was für eine Veränderung. Da macht es doch nichts, dass ihr auch sonst ständig zunehmt und bis zur Geburt gut 12 Kilo mehr auf die Waage bringt. Oder?

Alles nur wow?

Und dann ist da die Geburt. Und euer kleiner Freund nimmt auf einmal noch mehr zu. Er platzt förmlich, sodass ihr am liebsten ständig nur noch nackt herumlaufen würdet. Jede Verpackung ist ätzend, zwickt und drückt und spannt. Aber ihr wisst: Das macht ihr jetzt noch ein paar Monate mit, ist ja gut fürs Kind.

Langsam groovt ihr euch ein, der kleine Freund ist nicht mehr ganz so prall, es ist jetzt alles sehr viel funktionaler. Er verliert langsam wieder an Größe. Und jetzt fallen sie euch richtig krass auf: Diese unschönen Streifen auf der Haut. Oh je, gehen die wieder weg?

Und dann, das Finale: Ihr habt das jetzt ein paar Monate gemacht, alle Körperteile sind wieder einigermaßen in ihren Normalzustand zurückgekehrt. Naja, ihr habt wenig Zeit fürs Fitness-Studio, daher sind noch immer ein paar Kilos mehr da als vor der Schwangerschaft. Und dann ist da ja noch euer kleiner Freund. Er ist jetzt gezeichnet durch die Streifen, die durch das schnelle Wachstum aufgetreten sind. Und: Er ist jetzt kleiner und schmaler als vor der Schwangerschaft. Eure Frau findet das jetzt nicht mehr so sexy. Sie sagt: Kann man doch operieren, oder?

Schön, attraktiv, hübsch? Labels und Gedanken zum Körper einer Mutter

Zurück zum Film: Frauen, die glauben, sie seien weniger wert, bloß weil sie nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen, das durch Hochglanzmagazine und Fernsehsendungen propagiert wird. Da sind Models, die sich nicht mehr trauen, zu essen, weil sie dann ja Kurven bekommen könnten und nicht mehr aussehen, wie Körper von 14-jährigen eben aussehen. Denn so sind die Models heutzutage ja gebaut. Und dann sind da noch Frauen, die nach einer Schwangerschaft nur noch ein Ziel haben: So auszusehen wie vorher.

Ja, auch ich stehe manchmal vorm Spiegel und denke mir „ach, so ein bisschen weniger hier und da, das wäre schon schön“. Oder: „Ich fände es toll, wenn mir meine alten BHs wieder passen würden“. Aber ich würde mich niemals schämen dafür, wie ich nunmal aussehe. Das bin ich – so sehe ich aus. Schön sein als Mutter, schön sein als Frau… Das ist Einstellungssache. Und genau darum geht es im Film.

Schön sein als Mutter: Die Sache mit dem Gewicht

Es gibt die Frauen, die nach einer Geburt sofort fast wieder aussehen wie vorher. Und es gibt die, die es nicht tun. Ist jetzt das eine besser als das andere? Bedeutet „schön sein als Mutter“ wirklich, dass ich meinen Fokus von meinem Kind auf meinen Körper verschiebe? Für wen?

Nach der Geburt meines Sohnes hab ich die meisten Kilos sehr schnell wieder verloren. Der ungeheure Stress und die Dauerbelastung sorgten sogar dafür, dass sich Freunde, Bekannte und sogar meine Chefs im Restaurant Sorgen machten, weil ich immer dünner und dünner wurde. „Was ist los mit dir, Anna? Was machst du?“, war die eine, eher besorgte Variante.

Die andere war: „Wow, wie machst du das?“ Ich machte gar nichts, war nur damit beschäftigt, mein Leben am Laufen zu halten. Mit sehr wenig Schlaf und manchmal auch wenig Essen. Das lag aber nicht daran, dass ich Diät machte, sondern dass ich das Essen vergaß oder zu müde war, mir etwas zu machen. Mein Arzt war auch besorgt, obwohl meine Werte gut waren.

Ich beschloss, mir mehr Zeit für mich und auch fürs Essen zu nehmen. Und langsam ruckelte es sich wieder ein. Dann wurde es wieder ein bisschen mehr, mein Gesicht wieder runder. Und jetzt wird es seit einiger Zeit wieder ein bisschen weniger, weil ich wieder angefangen habe, zu laufen. Aber weißt du was? Ich gehe davon aus, dass es sich weiter ändert, immer mal wieder. Und das ist okay so.

Wirkung auf Männer: Warum das nichts mit Schönheit zu tun hat

Ich habe in der letzten Zeit ein paar neue Menschen kennengelernt, auch Männer. Wenn sie erfuhren, was ich beruflich so mache, haben sie natürlich auch meine Websites angesehen bzw. meine Social Media Kanäle. Auf meiner Facebook-Seite sind Videos von mir, auch aus der Zeit, in der mein Gesicht runder war als es jetzt ist. Für mich ist das vollkommen okay, aber diese Herren waren völlig irritiert. Als wäre es nicht vorstellbar, dass sich jemand im Lauf der Jahre verändert. Und ich kann dir sagen, dass die mitnichten alle einen (gesellschaftlich idealisierten) Traumkörper haben. Wohlstandsbauch lässt grüßen.

Trotzdem wollten sie wohl zum Ausdruck bringen, dass ich in den Videos und auf den Fotos nicht gut genug war – im Vergleich zu jetzt nicht annehmbar. Ist das nicht absurd? Ich war und bin jetzt immer noch die gleiche Person.

Ich war nie übergewichtig, sondern hatte einfach ein paar Kilos mehr. Und das reicht schon, um mich abzuwerten bzw. es zu versuchen? Denn ich hab nur müde gelächelt und gesagt: Ja, das war ich. So sah ich aus. Und heute sehe ich immer noch so aus, nur eben minimal schmaler.

Soll ich jetzt diese Videos löschen, damit man nicht sieht, wie ich vor ein, zwei Jahren aussah? Geht’s noch? Es ist sehr interessant, wie sehr manche Menschen ihren Selbstwert von äußeren Einflüssen abhängig machen. Vom Erfolg im Beruf (was auch immer das bedeutet), vom Aussehen und der Anerkennung von anderen Menschen, von ihren Fertigkeiten und ihrer Geschichte. Aber hey – Wert hat nichts mit äußeren Einflüssen zu tun! Ich bin immer gleich viel wert, egal was ich verdiene, wer mich attraktiv findet oder ob ich gut bin in verschiedenen Dingen.

Anerkennung für gutes Aussehen

Aber so weit sind die meisten Menschen (noch) nicht. Ich wünsche es jedem und jeder, dass er oder sie erkennt, wie sich das mit dem Selbstwert verhält. Und dass es keinen Sinn macht, andere zu verurteilen, sich zu vergleichen oder etwas sein zu wollen, das man nicht ist. Mach dich frei davon, wie andere dich haben wollen. Versuch so zu sein, wie du sein willst! Das hat nichts damit zu tun, wie du aussiehst.

Und Anerkennung für gutes Aussehen sollten wir niemals, niemals vorgeben! Wer bestimmt denn, was gutes Aussehen ist? Und wer macht unsere Töchter wieder gesund, wenn sie nur noch danach streben, hübsch für andere zu sein? Ich bin oft sehr glücklich, einen Jungen zu haben und kein Mädchen. Denn ein Mädchen zu einer selbstbewussten Frau zu erziehen, ist schwer, wenn ihr jeder Anerkennung entgegenbringt, weil sie „so hübsch“ aussieht.

Lasst uns unseren Kindern erklären, wie es wirklich ist mit dem Wert. Und lasst sie uns loben für das, was sie tun, nicht für das, wie sie aussehen. Und lasst uns das auch mit uns selbst so machen. Lob dich für all das, was du geschafft hast. Und lob auch deinen Körper dafür. Er ist genau so, wie er sein soll. Mit seinen Streifen, Narben und Kilos. Immer.

Liebevolle Grüße
Anna

Bild: privat.

2 Antworten auf „Schön sein als Mutter: Zwischen MILF und Wahnsinn“

  1. Liebe Anna,
    Menschen, die „angenehm“ aussehen haben es einfacher. Das ist so. Der erste Blick ist soo wichtig.
    Ich bringe meinen Kindern bei, den Menschen in die Augen zu sehen, dann bekommen sie die wichtigen Infos.

    Den Film finde ich auch klasse. Selbstakzeptanz ist eines der großen Lernfelder für mich im Moment.
    Liebe Grüße Inge

    1. Liebe Inge,

      ja, das ist so eine Sache mit der Akzeptanz. Ich glaube, es muss wirklich einmal klick machen, damit du merkst, dass Meinungen von anderen eben nur Meinungen von anderen sind. Das Gute ist, dass das leichter wird, je älter wir werden. So ist jedenfalls mein Gefühl 😉

      Liebe Grüße
      Anna

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