Happy birthday, Anna! Von Scheißtagen und guten Wünschen

Es ist der 12. Juni. Noch. Dieses Datum ist zwar nichts Besonderes, aber doch ein Anlass. Ich werde heute 34. Und auch wenn ich mir nichts aus Geburtstagen mache (sie gehen mir gelinde gesagt am A*** vorbei), so hatte ich doch gewisse Erwartungen an diesen Tag. Und das war wohl der Fehler. Denn – das wissen wir: Keine Erwartungen, keine Enttäuschungen. Tja. Zu spät würde ich sagen. Oder ist es eine Besonderheit, seinen Geburtstag alleinerziehend zu verbringen?

Meine Ma hatte mir Kuchen versprochen. Denn früher war es mal Tradition in der Familie, dass es zu meinem Geburtstag den ersten Erdbeer-Kuchen des Jahres gab. Früher gab es Erdbeeren auch nicht schon im Mai, sondern eben erst im Juni. Und meine Oma backte den ersten Erdbeer-Kuchen immer für mich.

Merkwürdigerweise wollte meine Ma jetzt diese Tradition fortführen, nachdem es die letzten 10 Jahre keinen Kuchen mehr zu meinem Geburtstag gegeben hatte. Vielleicht war ihr auch einfach nach Erdbeer-Kuchen und sie brauchte einen Anlass? Ich weiß es nicht.

Ich hatte mich jedenfalls gefreut. Und irgendwie hatte ich mich auch auf die ganzen Glückwünsche gefreut. Einige meiner Lieben hatte ich schon lange nicht mehr gesprochen und ich freute mich auf die Grüße und Gespräche.

Der Morgen: Kein Briefing für Junior

Der Wecker klingelt um 7. Das ist jetzt die normale Zeit, seit wir durch den eingeschränkten Regelbetrieb nicht vor 9 Uhr an der Kita sein müssen. Ich bin nicht richtig wach, aber ich bin da. Junior wälzt sich noch ein bisschen, dann kuschelt er sich an. Er möchte nicht aufstehen, ich schon.

Junior hat meinen Geburtstag natürlich vergessen. Das ist okay, damit habe ich gerechnet. Gestern war er beim Dings und dass der ihn nicht an diesen Anlass erinnern würde, wusste ich. Und außer dem Dings hatte niemand Gelegenheit, ihn daran zu erinnern. Ich selbst habe es auch nicht getan.

Es ist nicht schlimm und gleichzeitig denke ich mir „andere Kinder denken sich mit dem jeweils anderen Elternteil sicher coole Überraschungen aus – da vergisst keiner, die Kids zu briefen“. Das ist dann wohl einer dieser Umstände, wenn man seinen Geburtstag alleinerziehend verbringt. Wie schon gesagt: Keine Erwartungen, keine Enttäuschungen.

Das Curry-Papaya-Drama

Wir diskutieren in der letzten Zeit wieder verstärkt über eine gerechte Aufgaben-Verteilung und darüber, warum man sich gegenseitig unterstützen sollte. Heute jedenfalls deckt Junior ganz freiwillig den Frühstückstisch, ich muss nichts sagen. Schon mal gut. Er ist irgendwie aufgedreht, dölmert am Tisch herum, schwenkt sein Brot bedrohlich wild durch die Gegend. Mit Erfolg: Es landet auf dem Fußboden. Mit der beschmierten Seite nach unten natürlich.

Es ist Curry-Papaya-Mango Brotaufstrich. Ein schöner gelber, fettiger Fleck direkt vor dem Tisch (ich werde später feststellen, dass ein trockenes Tuch nicht ausreicht, um den Fleck zu beseitigen und auch Wasser reicht nicht – es muss wohl was mit fettlösendem Effekt sein).

„Hey, ist ja nur ein Fleck“, denke ich mir – passiert. (Ich weiß hier noch nicht, dass ich kurze Zeit später mitten in diesen wundervollen Fleck reintreten, mich kunstvoll einmal um die eigenen Achse drehen und noch zweimal mit dem Fuß auftreten werde, um den Curry-Papaya-Brotaufstrich weitläufig in der Küche zu verteilen.)

Es drängt sich bei mir der Verdacht auf, dass es ein Scheißtag werden könnte. Aber noch habe ich Hoffnung.

Bananenbrot und Stress

Okay, ich hüpfe ins Bad, wasche meinen Fuß, mache mich fertig. Und dann schneide ich fix noch zwei Scheiben von dem Bananenbrot, das ich schon gestern gebacken habe, packe es Junior in seine Dose und stelle sie in den Flur, damit er sie in seinem Rucksack verstauen kann.

Will er aber gar nicht. Er schaut mich nur groß an und meint „WAS IST DAS?!!!“ – „Bananenbrot“, sage ich, „Habe ich gestern gebacken.“ Junior ist nicht begeistert: „MAG ICH DAS?“ Ich bin ein bisschen angenervt. „Das letzte Mal schon“, antworte ich knapp und verfluche mich schon innerlich, dass ich es überhaupt angeboten habe.

Wir diskutieren noch ein bisschen hin und her, schließlich packt er es ein und ich weiß schon: Er wird es nicht essen. Yeah. Und wieder: Wie dumm von mir – keine Erwartungen, keine Enttäuschungen.

Der Vormittag: Gute Wünsche und Anrufe

Ich liefere Junior in der Kita ab. Immerhin das klappt reibungslos. Unterdessen ist auch mein Smartphone mit dem Internet verbunden und die ersten guten Wünsche trudeln ein. Ich freue mich. Die ersten kamen schon kurz nach Mitternacht, es werden aber von Jahr zu Jahr immer weniger. Klar, wir sind in den 30ern – da bleibt keiner mehr so lange wach. Die gute Zeit für Glückwünsche ist jetzt zwischen 9 und 20 Uhr.

Es ist ein ruhiger Vormittag. Ich schreibe einen Newsletter und einen Blogartikel und schiele immer mal wieder rüber in die sozialen Netzwerke, um zu schauen, was da so los ist. Mein Netzwerk wird immer größer und aktiver, daher ist es gar nicht so leicht, da den Überblick zu behalten.

Die wichtigsten Menschen aber rufen an. Sie wissen, dass ich das liebe, wenn sie mir mit Worten gratulieren und zwar live. Und daher freue ich mich über Carsten, Jan, Miri und Marcus, die sich die Zeit nehmen, mich direkt anzurufen und auch wirklich ein bisschen zu plaudern. Meine Ma hat schon morgens angerufen, mein Bruder wird es abends tun. Ich bin beseelt.

Marmelade und Liebe. Damit hatte ich nicht gerechnet

Es klingelt an der Tür. Cool, es ist der Paket-Dienst. Ich hab nix bestellt, also muss es von jemand anderem sein! Meine liebe Freundin Karin schickt mir gut 1,3 kg Marmelade. Weil ich ihre Marmelade kennenlernen muss. Weil es einfach ein grandioses Geschenk ist. Aber das Beste ist die Karte. Der Text, die Energie, die Verbindung – es gibt eben Menschen, die passen einfach.

Geburtstag alleinerziehend, Geschenke, liebe Wünsche

Ich werde heute an mehreren Stellen hören „schön, dass es dich gibt“ und „gut, dass du so bist wie du bist“. Das ist schon krass, wie viel ich doch immer zurückbekomme – von den „echten“ Menschen in meinem Freundeskreis, aber auch von den Kontakten, die ich bisher nur online kenne und die mir doch so sehr ans Herz gewachsen sind.

Doch gar nicht so übel, dieser Geburtstag?

Das Desaster am Nachmittag: „Geh weg, ich habe zu tun!“

Ich hole Junior wieder von der Kita ab und bringe ihn zu seinem Sportkurs. Danach auf der Rückfahrt albern wir herum, wie dringend wir jetzt nach diesem anstrengenden Tag den Erdbeerkuchen von Oma brauchen. Dringend!!!

Wir kommen also bei meiner Ma an und da ist es: Ein ganzes Blech Erdbeerkuchen. Und Blumen – die bekomme ich jedes Jahr, denn meine Ma meint, dass ich an meinem Geburtstag etwas Schönes zum Anschauen und Freuen brauche.

Wir machen uns also über den Kuchen her – der ist gut und meine Ma hat sogar darauf geachtet, dass nur wenig Zucker in Teig und Creme war. Danke! Junior mag die Creme nicht, ich kratze sie also von seinem Kuchenstück herunter. Das ist Alltag, alles gut.

Aber was dann passiert, finde ich dann nicht mehr ganz so lustig. Ich frage, ob wir die Zeit bis zum Abendessen noch gemeinsam etwas spielen wollen. Hätte wunderbar gepasst und ich hätte auch echt mal wieder Lust auf ne Party Malefiz oder Memory gehabt.

„Nein, ich will nicht mit euch spielen!“ Junior ist sehr klar in seiner Kommunikation. Okay, denke ich, dann eben nicht. Dann sitzen wir halt nur zusammen und er baut mit Lego oder was auch immer er sonst so tun will. Das passt ihm aber nicht. Er will mich loswerden.

„Du sollst weggehen, Mama! Ich brauche dich hier nicht!“ Puh, danke auch.

Meine Pläne? Letztlich egal

Ich soll also an meinem Geburtstag abhauen, weil Junior seine Ruhe haben will. Ich bin nicht begeistert, versuche, einen Kompromiss zu machen. Hilft nur nichts. Junior wird immer unfreundlicher, denn die Entwicklung, die dieses Gespräch nimmt, durchkreuzt seine Pläne. Erwartungen halt. Meine Pläne sind an dieser Stelle schon lange egal.

Junior hat derzeit die Idee, er könne über seine Mitmenschen bestimmen. Wenn er beim Dings ist, kann er das auch. Der springt, wenn Junior ruft. Er macht wirklich alles, was er will.

Ich mache das nicht. Kann ich auch nicht, denn wir leben zusammen und ich müsste dieses Verhalten ja ständig ertragen und nicht nur tageweise. Nein, der Dings hat das Spielen und Eis essen, ich habe die Konflikte – das kenne ich schon. Aber muss es ausgerechnet heute sein?Es ist eben schon etwas, das anders ist, wenn du deinen Geburtstag alleinerziehend feierst. Denn du hast diesen Geburtstagsgast immer – das kannst du dir nicht aussuchen. Es ist eben anders, dieses Leben mit Kind. Es ist eine permanente Anpassung. Weiß ich, kenne ich. Aber manchmal nervt es. Heute zum Beispiel.

Das „Gespräch“ wird immer unangenehmer, Junior dreht mehr und mehr auf. Ich weiß: Das wird heute nix mehr. Ich schnappe mir also meine Sachen und erkläre Junior, wenn er so gar nicht mehr zu einem Gespräch bereit sei, dann wäre es besser, nach Hause zu gehen.

Kein Abendessen, kein Oma-Abend, kein Fernsehen (und für mich kein freier Abend). Aber hey, wenn er mit einem solch ekligen Verhalten durchkommt, werde ich diese Situation immer wieder haben.

„Du bist blöd, du bist unfair, ich zieh aus!“

Junior tobt, es ist mehr als unschön. Und er fährt noch mal richtig hoch, schlägt und tritt nach mir: „Du bist unfair! Du bist blöd! Ich zieh aus!“ Ja, das würde ich ja fast gern mal sehen. Ich vermute, spätestens nach zwei Tagen würde der Dings mit dem tobenden Kind vor der Tür stehen und beide würden darum betteln, dass ich ihn wieder bei mir betreue. So eine Scheiße. Scheißtag.

Ich weiß, es ist eine schwierige Zeit. Corona, der Wechsel auf die Schule im Sommer, dazu die unruhige Zeit, ich, die durch die Auswirkungen des Lockdowns extrem unter Druck stand und immer noch stehe. Oder ist es doch nur die viel zitierte Wackelzahnpubertät?

Wie auch immer: Ich kenne mein Kind. Ich weiß auch, dass er seinen ganzen Mist bei mir ablädt, weil er weiß, dass ich es aushalte. Das sage ich ihm auch immer wieder. „Ich liebe dich, auch wenn du mal durchdrehst.“

Aber heute? Heute sollte es doch um mich gehen! Du ahnst sicher, was ich mir immer wieder in Erinnerung gerufen hab? Keine Erwartungen, keine Enttäuschungen.

Pläne, Erwartungen, Enttäuschungen

Ich schleife also das wütende und brüllende Kind nach Hause, habe aber wenigstens den Kuchen und meine Blümchen mitgenommen. Zuhause tritt Junior gegen Wände, schmeißt mit der Seife, knallt die Türen. Ich sage ihm, wenn er unbedingt etwas kaputt machen will, soll er doch bitte seine eigenen Sachen nehmen. Er verschwindet in seinem Zimmer.

Und ich? Erstmal Musik, Roxette, laut. Ich schneide meine Rosen neu an, stecke sie ins Wasser, den Kuchen in den Kühlschrank. Räume auf. Happy birthday.

Natürlich beruhigt sich Junior irgendwann, kommt zu mir und entschuldigt sich. Wir reden über schlechte Laune, über Erwartungen, die nicht erfüllt werden und darüber, was man mit seiner Unzufriedenheit machen kann, ohne andere Menschen zu beleidigen und zu verletzen. Er weiß, dass er nicht freundlich zu mir war, es tut ihm leid. Er tut sich leid. Es ist ein merkwürdiges Phänomen: Du tröstest dein Kind, weil es sich mies fühlt, weil es DICH verletzt hat.

Bleibt nur eine Frage heute: Wo bleibe ich denn mit meiner schlechten Laune? Ich weiß, es gab auch Positives heute, da war viel Gutes und Schönes. Nur ist es halt unverhältnismäßig, wie viel Wohlwollen aus der digitalen Welt hier herübergetragen wird und wie ätzend die reale Welt ist im Vergleich dazu.

Deine, heute irgendwie doch enttäuschte
Anna

Bilder: privat.

2 Antworten auf „Happy birthday, Anna! Von Scheißtagen und guten Wünschen“

  1. Liebe Anna, jetzt hab ich doch tatsächlich für dich und mit dir ein bisschen geweint. Ach wie gut kenne ich das. Dieses geliebte Kind, das einen so wahnsinnig verletzen kann. Ja. das tut weh. Punkt. Mir und dem Kind. Aber die Liebe wird den Schmerz heilen.

    Irgendwann einmal hat jemand zu mir gesagt: „Nur wenn ein Kind sich bedingungslos geliebt fühlt, traut es sich, deine Grenzen so auszutesten, dass es dir weh tut.“ Stimmt. Würde ich Gewalt anwenden, hätte es Angst, würde ich alles mit mir geschehen lassen, hätte es auch Angst, denn Macht überfordert ein Kind.

    Liebe Anna, bin ich überzeugt davon, dass du es richtig machst. Fühl dich ganz lieb umarmt und gedrückt von

    Edith

    1. Liebe Edith, danke dir für deine Worte. Ich habe nicht geweint, für mich ist das auch gar kein Grund zum Weinen. Es ist aber ein bisschen wie in dieser uralten YES-Törtchen-Werbung, in der die Frau irgendwie nen miesen Tag hat und es regnet und sie ist genervt und vielleicht ein bisschen traurig. Und dann sagt sie „… und DAS an meinem Geburtstag!“

      So fühlte es sich an. Letztlich ist es aber ganz egal, welcher Tag es ist. Ich weiß ja auch, dass er es gar nicht so meint, nur das hilft in der Situation halt nicht. Es ist eine Phase und wird wieder besser 🙂

      Liebe Grüße
      Anna

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